Samstag, 25. August 2007

China, Tibet, Irak, Vietnam und andere verlorenen und gefundene Seelen

Die Meldungen der letzten Woche boten genug Futter, um sie über Monate zu strecken, doch ich werde sie in einem einzigem Eintrag abarbeiten. Meine Lieblingsjuwelen des Tages!

In der Schlacht darum, welche Ideologien blöder sind, politische oder religiöse, wurde im fernen Osten eine neue Front eröffnet: China verbietet buddhistischen Mönchen zu reinkarnieren sofern sie nicht die ausdrückliche Erlaubnis der Regierung besitzen.

Ja, richtig gehört. Wenn China gerade mal nicht damit beschäftigt ist, Kinder zu vergiften, uns als Fahrzeuge getarnte mobile Todesfallen zu verkaufen, oder Autos von Pekings Straßen zu verbannen (nicht weil die Autos Menschen umbringen, sondern weil rechtzeitig zu den olympischen Spielen der Himmel sichtbar sein soll), machen sie totalitär tolle Sachen, die keinem anderen Land der Welt einfallen würden, wie zum Beispiel den Prozess der Wiedergeburt gesetzlich zu regeln.

Zugegeben, da haben sie eine Gesetzeslücke entdeckt. Wenn alte buddhistische Ärgermacher, bei denen du froh bist, sie endlich los zu sein, statt in Frieden zu ruhen, in die Körper neuer junger Menschen wiedergeboren werden, möchte man als Regierung gefälligst ein Wörtchen mitreden.

Mein erster Instinkt ist über die chinesische Regierung zu lachen, weil es so weit hergeholt ist. Andererseits, das Konzept Wiedergeburt an sich ist auch schon ziemlich weit her geholt. Es ist eine Meisterleistung in Sachen Architektur des Absurden, dieser Versuch, eine absurde Idee mit einer noch viel absurderen Idee zu regeln. Das muss so ähnlich sein, wie einen zweiten schiefen Turm von Pisa auf die Spitze des ersten schiefen Turms von Pisa zu bauen.

Nur... Bei genauem Hinsehen ist es gar nicht so dumm wie es scheint. Die Handlung der chinesischen Regierung jetzt, nicht buddhistischer Glauben oder gestapelten Pisa-Türmen. Sie wollen nur sicher gehen, dass das nächste politische und geistige Oberhaupt Tibets ihren Segen hat und ihren Befehlen gehorcht. Das ist nicht sehr demokratisch, aber ein vom Volk nicht gewähltes Staatsoberhaupt das religiöse und weltliche Macht in einer Person vereint ist auch nicht ganz im Sinne der Demokratie.

Und schließlich ist die Wiedergeburt für die Mönche genauso sehr ein Politikum zur Machterhaltung, -Sicherung und –Legitimierung wie für China. Ob über die Seelenwiedererkennung nun ein Gremium von Politikern oder eine Versammlung von Mönchen befindet, was ändert das schon? Es geht um das gute alte Tauziehen. Wird die Regierung die Religion kontrollieren oder die Religion die Politik.

Der Dalai Lama ist 72 Jahre. Menschen in dem Alter treffen gewisse Vorbereitungen. Sie schreiben Testamente, sie beichten Sünden, sie reden öfter mit ihren Kindern als gewöhnlich, sie überlegen sich die Musikauswahl für ihre Beerdigung, und, wenn sie zufällig Kopf einer großen Religion, die an die Wiedergeburt glaubt, sind, machen sie sich über das nächste Leben Gedanken. Der Dalai Lama hat seit 14. Generationen Kontrolle darüber, wo und wie er wiedergeboren wird. Und die momentane Verkörperung des Dalai Lama weigert sich, innerhalb Tibets wiedergeboren zu werden, solange es in chinesischer Hand ist.

Das neue Gesetz verleiht China die Autorität, den nächsten Dalai Lama aus den eigenen Reihen zu wählen. Gleichzeitig wird es damit zu einer sicheren Wette, dass die buddhistischen Mönche die fünfzehnte Inkarnation ihres Dalai Lamas zwangsweise im Ausland suchen und finden werden, höchstwahrscheinlich einem reichen fetten Land wie Amerika.

Auf beiden Seiten geben praktische Gründe den Ausschlag. Das ist nicht anders als es bei der katholischen Konklave. Die Kardinäle sagen zwar „Benedikt wurde von Gott erwählt“, aber was sie meinen ist: „Benedikt war die beste Wahl, weil für die Kirche nach einem so langlebigem Reformator wie JP2 ein dem Tode naher konservativer Greis genau das richtige ist.“

Und deswegen setze ich darauf, dass der nächste Dalai Lama aus dem Westen kommt. Die Leute hier fressen östlicher Philosophie, Mystizismus und Medizin aus der Hand. Das ist ein Wachstumsmarkt für Einfluss den man zementieren muss. Und außerdem würde ein Dalai Lama aus dem eigenem abendländischem Kulturkreis auch in Zukunft den Fluss der Spenden aus Hollywood sichern, das der beste Finanzierer des Widerstandes für ein freies Tibet ist seit die CIA beschlossen hat, dass 1,7$ Millionen pro Jahr um eine Armee von Pazifisten auszurüsten verschwendetes Geld ist.

Von alten Mönchen die als Babys wiedergeboren werden zu einer Branche, die derzeit alles tut, das in ihrer Macht steht, um männliche Jugendliche in junge Frauen und Senioren zu verwandeln ohne dabei direkt zum Mittel der Reinkarnation zu greifen aber es würde, wenn sie könnte: Die Video- und Computerspiele Industrie will weg von verpickelten Teenagern in ihren miefigen Kellern hin zu Mädchen und Familien und Oma und Opa. Das ist der Tenor der Medien in der Berichterstattung zur Games Convention in Leipzig. Normalerweise verstehen die Nachrichtenredaktionen von RTL, ARD und Sat1 (in der Zeitung stand, Sat1 hätte alle ihre Journalisten gefeuert, aber hatte Sat1 je Journalisten???) von der Welt der Computer soviel wie Mügelner Bürger von Zivilcourage. Ich nenne da nur die lächerliche Überschätzung von Second Life, bei dessen bloßer Erwähnung jeder Nachrichtenredakteur scheinbar eine größere Erektion bekommt als ein Furry beim Anblick von Bugs Bunny in Drag, während gleichzeitig World of Warcraft weitestgehend unbemerkt genügend Menschen ansammelt um ein kleines Land zu besetzen. In diesem Fall allerdings haben sie ausnahmsweise Recht. Videospiele sind tatsächlich auf einem Siegesfeldzug heraus aus der Nische als Unterhaltung für große und kleine Kinder hin zur akzeptierten Massenunterhaltung für Alt und Jung jeden Geschlechts. Nintendo hat allein im letzten Monat EINE MILLION neuer Einheiten ihrer Spielekonsolen in die weltweiten Wohnzimmer verkauft. Ich begrüße die Entwicklung und heiße die neuen Spieler als alter Nintendofan und Gameboy der ersten Stunde herzlich willkommen und stelle mich schon einmal geistig auf den Tag ein, an dem wir vom Amoklauf eines Computerspielers hören und die Reporter nicht vom Schulhof sondern aus dem Altersheim berichten. Arme alte Großmutter, du hast einfach zu viel Counterstrike gespielt...

Und die vorletzte Schlagzeile für heute, ebenfalls zum Thema Seelenwanderung und die Zukunft der virtuellen Unterhaltung: Wissenschaftler haben einen Weg gefunden, das Phänomen der außerkörperliche Erfahrungen im Labor unter kontrollierten Bedingungen zu reproduzieren. Wir wissen von Menschen, die im Traum oder unter Betäubung standen oder dem Tod nahe waren, dass sie ein Gefühl beschreiben, ihren Körper zu verlassen und sich von außen zu sehen oder manchmal gar über weite Distanzen wandern um einen entfernten Menschen zu beobachten. Das Experiment erklärt uns bei weitem nicht alles, das wir aus Beschreibungen kennen, aber es ist ein erster Schritt, und eine verdammt coole Erinnerung, was heraus kommen kann, wenn Wissenschaft das Feld des sogenannten Übersinnlichen nicht prinzipiell ignoriert sondern untersucht, was es zu untersuchen gibt.

Zum Abschluss das Beste: Präsident Bush hat eine Hundertachtzig Grad Kehrtwende hingelegt und stimmt nun zu, dass Irak genau so ist wie Vietnam. Nur dass in seinem Vergleich der einzige Fehler in Vietnam der war, den Krieg zu beenden. Man kann hundert Witze darüber machen, aber es ist spät, ich bin müde, und außerdem bricht man allein vom Lesen der Neuigkeit in schallendes Gelächter aus.

Ha ha haaargh.

Montag, 13. August 2007

Wie weit reist Hoffnung auf dem Rücken eines sterbenden Sterns?

Heute Nacht legen wir unser Vertrauen in einen glühenden Schauer am Nachthimmel.

"Fang eine Sternschnuppe mit den Augen ein und wünsch dir was. Und ich wünsche dir, dass deine Wünsche in Erfüllung gehen", sagen sie.

Das werden sie nicht. Ich hab's probiert und ohne Erfolg. Sternschnuppen können einem keine Wünsche erfüllen. Andere Menschen können das.

Weswegen es so verdammt blödsinnig ist, über Wünsche still zu sein. So unsinnig, dass schon Kindern, sobald sie die Kerzen auf ihrer ersten Geburtstagstorte auspusten, lernen, ihre Wünsche geheim zu halten. Weil man über seine tiefste Sehnsucht schweigen soll, weil es nur zählt wenn der Wunsch durch einen schicksalhaften Zufall erfüllt wird, weil es nicht magisch ist wenn ein anderer Mensch es tut. Unsere verheimlichten Wünsche machen Feiglinge und Betrüger aus uns allen. Im schlimmsten Fall Mörder. Es gibt viele Dinge, die man totschweigen kann. Wünsche gehören dazu.

Dies ist die kleine tödliche Lüge: Wenn du jemandem verrätst, was du dir wünschst, geht der Wunsch nicht in Erfüllung. Natürlich ist es genau andersherum. Aber es fällt uns leichter an Magie zu glauben, uns ein Geschenk zu machen, als an unsere Freunde.

"Fang eine Sternschnuppe ein und wünsch dir was. Und ich wünsche dir, dass deine Wünsche in Erfüllung gehen", sagen sie, die Fremden, die Bekannten, die Freunde, diejenigen, die nichts von unserem größtem Wunsch wissen, und solche, die unseren Wunsch kennen, aber nichts unternehmen, ihn zu erfüllen.

Und so schauen wir heute Nacht zu den Sternen und wir wünschen...

Samstag, 14. Juli 2007

Geld stinkt nicht

Aus aktuellem Anlass ein Beitrag aus der Reihe "Schlechte Ideen aus dem Ahhhhh-lltag". Heute: Drehtüren für öffentliche Toiletten sind eine Scheißidee. Wenn ich nach einer Stunde Blase Halten aus dem Zug hetze, weil mir die Pisse bis unter die Augen steht, habe ich keine Zeit in den Untiefen meiner Brieftasche nach der richtigen Kombination kleiner Münzen zu suchen, die mir die mythische Pforte ins heilige Strullerland öffnet. Drehtüren sind toll für Zoos und Vergnügungsparks, aber um Himmels Willen nicht für Toiletten. Das Scheißhaus am Düsseldorfer Bahnhof ist nicht Disney World. Die Leute stehen nicht stundenlang Schlange um auf Toilette zu gehen, es sei denn die Toilette hat Drehtüren am Eingang und alle kramen nach Kleingeld, das sie nicht haben. Keiner von uns will auf Space Mountain reiten. Und im Gegensatz zu Splash Mountain werden die Besucher höchstens nass, wenn sie nicht drankommen.

Zugegeben, die WCs am Düsseldorfer Bahnhof sind erstaunlich sauber. Ich vermute das hängt damit zusammen, dass SIE NIEMAND BENUTZT. Denn der Gedankengang, den ein potentieller Benutzer durchläuft, sieht wie folgt aus: "Oh Gott, ich muss, ich muss, ich muss, was, was ist das? Drehtüren? Verfickte Drehtüren! 70 Cent Eintritt? Wo kriege ich 70 Cent her? Soll ich dir mir aus dem Arsch ziehen? Da will was ganz anderes raus, aus meinem Arsch, deswegen muss ich ja! 70 Cent, 70 Cent, soviel habe ich nicht, wo ist mein Kleingeld, ich habe 10, ich habe 11, 12, 13, 23 oooooh goooott, ganz ruhig, 28 Cent, ehm, 29, 34, ruhig, ruhig, ganz langsam, immer mit der Ruhe, es läuft, es läuft, oh Mist, es läuft ja wirklich, und zwar läuft es mir das Bein runter, und das ist meine teuerste Hose, teurer als 70 Cent auf jeden Fall, fuck, wer hat schon Kleingeld, warum nimmt die Tür keine Scheine? Oder Kreditkarten? Ach was, weißt du was? Scheiß drauf!" und dann zieht der Möchtegern-Pinkler schimpfend von dannen, nicht direkt erleichtert, mit vollem Portemonnaie und voller Buchse.

Wer installiert Drehtüren in eine Toilette? Ich schätze, die freiwillige Spende nach dem Klogang wurde von zu wenigen Leuten bezahlt und man wollte den Sammelteller der Putzfrau durch eine effektivere Sammelmethode ersetzen.

Aber Drehtüren?

Na gut. Sagen wir Drehtüren. Aber selbst mit Drehtüren...

Die intelligente Lösung, die Lösung, auf die jeder vernünftig denkende Mensch gekommen wäre, bestünde natürlich darin, die Drehtüren umgekehrt als üblich einzubauen. Nämlich so, dass freier Eintritt ist, und erst beim Herausgehen sperren die Türen und öffnen sich erst nach Entrichten einer kleinen Gebühr. Auf die Art erhält der WC-Unterhalt seinen Obolus und die Leute bezahlen, wenn sie ihr Geschäft erledigt haben und in der damit verbundenen entspannten Gemütslage, anstatt unter höchstem Blasendruck und mit zusammen gekniffenen Arschbacken nach Geld zu wühlen, obwohl jede Sekunde zu befürchten steht, dass die Blase platzt.

Das ist die Lösung, auf die die Drehtür-Installateure gekommen wären, hätten sie ein einziges Mal ihre eigenen Toiletten besucht.

Nein, so doof kann keiner sein. Hinter der Düsseldorfer Lösung muss statt Blödheit vielmehr ein gewiefter Plan stecken.

Eines Tages, so der Plan der Drehtürgangster, wird ein Multi-Milliardär die Bahnhofstoiletten in höchster Not besuchen und an Kleingeld nur eine einzigartige 1.000.000 Euro wertvolle Münze haben. Und dann sitzen die zukünftigen Besucher der Düsseldorfer Toiletten auf Schüsseln aus purem Gold und wischen sich mit echten Picassos den Hintern ab.

Entweder das oder die Toiletten wurden von Gundel Gaukeley herbei gehext und es ist bloß ein sehr raffinierter Trick, um an Dagobert Ducks Glückstaler zu kommen, wenn der Enterich auf Geschäftsreise in Düsseldorf verkehrt.
Die Erklärung ist reichlich absurd, doch sie ist immer noch intelligenter als das Grauen von einer Idee, das der eigentliche Drehtür-Einbau darstellt.

Mittwoch, 16. Mai 2007

Ficken Ficken Ficken Gangbang Ficken Ficken Dirty Sanchez Blumpkin Cleveland Steamer!

Allem Anschein nach haben wir eine Pornowelle in Deutschland. Weil nach der Hitzewelle und der Rentnerschwemme und Oder-Hochwasser dringend eine neue Flutkatastrophe nötig war, über die sich zu Meckern lohnt.

Also diesmal Pornographie.

Seit wann ist die wie wo ein Problem?

Da sagt der "Stern"-Autor auf meinem Fernsehschirm, dass es Gegenden in Berlin gibt, da darf man Jugendliche nicht alleine in einem Raum lassen, weil sonst die Möglichkeit besteht, dass wenn man wiederkommt die Mädchen vor den Jungs knien und blasen.

Das erfordert Aufmerksamkeit. Also setze ich kurz meine Porno-Downloads "Gangbang Chixx 27" und "Scatmastahs Girl Scout Cookies 7" aus, um in Ruhe über das Problem nachzudenken.

Jugendliche aus der Unterschicht benutzen Sex um Zeit totzuschlagen.

Jugendliche, die in zugebauten Städten leben und beim Wort "Spielplatz" an wenig befahrene Straßen denken...

Jugendliche, die nicht lernen, Gedanken und Gefühle auszudrücken...

Jugendliche, denen niemand beibringt, wie man zwischenmenschliche Gespräche führt...

Jugendliche, die keine Grund besitzen, über das Heute hinaus zu denken...

Jugendliche, die ihre Eltern im Leben kein Buch haben lesen sehen...

... Ja, sperrt man die in einen Raum, werden sie über kurz oder lang anfangen zu vögeln, weil Sex eine der wenigen übrig-geblieben Dinge ist, bei denen sie in Kontrolle sind. Wenn Eltern ihre Kinder in einer Welt alleine lassen, in denen ihnen systematisch Wege verbaut und Perspektiven ausgeschlossen werden, konzentrieren die Kinder natürlich ihre gesamten Energien und Aggressionen und Anerkennungsängste auf das eine Erwachsenen-Ding, das ihnen als Hauptindikator von Erfolg vorgeführt wird und über das sie Macht besitzen.

Und so erzieht man eine Generation von Bonobo-Äffchen.

Möglicherweise sind es Eltern, die beim Gedanken an Internet, Handy und I-Pod Kontrollverlust befürchten, doch in Wahrheit sind es die Jugendlichen, die überall vor Augen geführt bekommen, dass die Welt außerhalb ihrer Kontrolle liegt und immer liegen wird, und sich gezwungen fühlen deswegen mit Scheuklappen der einen Sache hinterher rennen, die ihnen ohne Filter zufließt. Die beste Art, die Scheuklappen zu entfernen, ist ihnen das Gefühl zuück zu geben, Kontrolle über andere Bereiche ihres Lebens und ihrer Zukunft erlangen zu können.

Die Frage ist doch nicht, ob Pornos und Sexualität unsere Kinder verderben. Pornographie und Sexualität sind Teil unserer Gesellschaft seit, ähm, immer. Und es wird so bleiben. Die Frage ist: Was passiert, wenn Pornos und Sexualität das einzige ist, das Jugendlichen bleibt, weil wir Erwachsenen ihnen alle anderen Optionen nehmen.

Und das war dann meine heutige Dosis Scheinheiligkeit zum Thema Kindererziehung von einem kinderlosem Single ohne Vaterschaftsambitionen, der gestern katholische Priester dafür kritisierte über Dinge zu urteilen, mit denen sie im Leben nicht zu tun haben.

Dienstag, 15. Mai 2007

Funny Benny

Ben16 ist wieder auf Abschiedstournee. Das hat er mit den Rolling Stones gemeinsam, wenngleich sonst wenig rockt oder rollt bei Uns Ratze. Aber bei jeder Reise des Papstes wirkt es, als winke er leise Servus, entweder weil nicht sicher ist, wie lange er es noch macht, oder weil seine Kirche gegen die zunehmende Irrelevanz kämpft und verliert. Man nehme folgendes Zitat:

"Es stimmt schon, dass im Ganzen der Gesellschaft eine Schwächung des christlichen Lebens und der Teilnahme am Leben der katholischen Kirche festzustellen ist; das liegt am Säkularismus, am Hedonismus, an der Beliebigkeit und auch am Proselytismus durch zahlreiche Sekten."

Nein, das liegt daran, dass die katholische Kirche nicht am Leben teilnimmt. Warum sollen die Leute am Leben der katholischen Kirche teilnehmen, wenn die Kirche nicht an ihrem Leben teilnimmt, so wie es wirklich ist, anstatt ihnen zu predigen, wie es von Rom aus scheint. Wenn man als Antwort auf Armut anbietet, die Hungernden mit dem Glauben zu nähren, ist das so ein Fall von praxisfernem Dogma, dass Menschen aus der Kirche hinaus und hin zu anderen Lebensmodellen treibt, die näher an ihrer eigenen Erfahrungswelt liegen. Es ist der Effekt davon, dass alte Männer, die in reichen Hallen leben, über Armut reden, dass alte Männer, die ihre eigene Sexualität amputieren, Leuten Kondome verbieten, dass alte Männer, die niemals eine Frau oder Kinder hatten, über Familie und Erziehung entscheiden. Wieviele menschenangeborene Instinkte und Triebe und Bedürfnisse musste Joseph Ratzinger bei sich auf dem Weg zum Papst verleugnen, über die er jetzt bei anderen Menschen urteilt. Menschen, die eben nicht beschlossen haben, diese Teile ihrer Natur abzuschneiden, sonst wären sie schließlich ebenfalls Priester geworden, aber nun von Heiligen Ratschläge zu Problemen erhalten, vor denen die Heiligen selber weggelaufen sind.

Papst ist wohl der einzige Job auf der Welt, für den man sich qualifiziert, indem man ein Leben lang vermeidet Erfahrung in wichtigen Bereichen zu sammeln, für die man später zuständig ist: Sexualität, Familie, Frauen, Kinder, und Armut.

Ja, wenn ich groß bin, möchte ich den Leuten sagen, wie sie mit Liebe, Armut und Kindern umgehen. - Sehr gut, Klein-Joseph! Dann sieh mal zu, dass du auf keinen Fall mit einer Frau Kontakt hast, niemals Kinder hast, und einen Job bekommst, aus dem du niemals gefeuert werden kannst! - Klasse! - Und du da, anderer namenloser Junge, was ist mit dir? Was möchtest du werden? - Ich möchte alle Probleme der Welt lösen! - Prima Idee. Am besten du sperrst dich für die nächsten achtzig Jahre in einem Keller ein, ich wette danach weißt du über das Leben Bescheid! - Ich möchte Schaffner werden! - Renn vor allen Gleisen weg und meide Spielzeugeisenbahnen! - Ich werde mal Astronaut! - Kauf kein Teleskop, und sieh niemals, niemals zum Himmel. Die Sterne blenden dich. - Ich werde ein berühmter Fußballspieler - Das klappt bestimmt, aber auf keinen Fall spielst du Fußball.

Katholische Kirche ist Lebensberatung von Greisen, die nie gelebt haben.

Und so kommt es, dass man Männer und Frauen, die so oder so Sex haben werden, Verhütungsmittel verbietet. Weil das die Art Logik ist, die man nach achtzig Jahren ohne einen wegzustecken entwickelt. Wer ein Leben verbringt, die Vergeistigung der Existenz anzustreben, weiß nicht, wie echte Menschen sich verhalten.

Apropos Echt, der Vatikan hat natürlich sein eigenes Verständis, was echt ist und was nicht. Materielle Dinge sind zum Beispiel - Überraschung! - nicht so echt wie du vielleicht denkst!

Menschen, die sich auf materielle Güter konzentrieren, "falsifizieren das Konzept von Wirklichkeit, indem sie die grundlegende und darum entscheidende Realität ausklammern: nämlich Gott." Und deswegen wird aus mir kein guter katholischer Junge mehr. Weil ich nicht den entsprechend geformten Geist habe, der nötig wäre, um ernst zu bleiben, wenn mir jemand sagen will, dass Materielles, das per Definiton zu fühlen, zu schmecken, zu riechen, zu hören, zu sehen, mit den Sinnen greifbar ist, weniger real ist als ein unbewiesenes Etwas, das ich nicht anfassen kann.

*Yakety Sax Musik spielt*

Montag, 16. April 2007

Virginia Tech

Ich beschwere mich nicht unselten über die Bürokratie an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf, aber es könnte schlimmer sein.

Wenigstens hat meine Uni-Verwaltung mir noch nie eine E-Mail wie folgende geschickt:

Subject: Please stay put

Body of email: A gunman is loose on campus. Stay in buildings until further notice. Stay away from all windows.

Ich hatte vor, über das Studium zu posten. Das lasse ich für heute ruhen. Der Campus und das Studentenwohnheim werden morgen ganz besonders einladend wirken.

Donnerstag, 12. April 2007

Papst sagt: Glaubt nichts, das nicht bewiesen ist!

Anscheinend kommt der Papst in einem neuen Buch "Evolution und Schöpfung" zu Wort und versetzt die Kirche um 11 Jahre zurück in die Vergangenheit in die Zeit bevor Johannes Paul II. Evolution als "mehr als eine Hypothese" anerkannte. Jetzt ist Evolution wieder unbewiesen und wird auch ewig unbewiesen bleiben und deswegen kann wissenschaftliche Erkenntnis religiöse Wahrheit niemals verdrängen, sagt der oberste Kopf der Kirche von dem Typ mit Bart, dessen Existenz unbeweisbar ist. Bisher hat der Buchverlag nur wenige Schnipsel der Diskussion veröffentlicht, aus denen alle Newsmeldungen vom Guardian bis zum Spiegel zusammengeklebt sind, desshalb ist der volle Umfang von Benedikts Repositionierung unbekannt, aber was der Papst über eine wissenschaftliche Theorie zu sagen hat ist letzten Endes HERRlich irrelevant - doch interessant! Religion ist ein faszinierendes Feld und ihr Verteidigungsreflex wenn Wissenschaft sie mit dem Konzept von Beweispflicht konfrontiert faszinierendes Anschauungsmaterial.

Benedikt ist gesitteter als die meisten Kreationisten, selbst falls seine Kritikpunkte an der Evolutionstheorie mit denen der Fanatiker eine Seite teilen.

Papst Benedikt war einst Professor Ratzinger. Wenn er, statt von der Kanzel zu predigen, vom Podium argumentiert, geschieht das mit sanfter Stimme und in behutsamen Schritten. Der Papst behält die heiligen Puschen auch in den sekulären Hallen der Wissenschaft an, um den Lärm zu dämpfen, denn Benedikt bevorzugt für große Sachen die leisen Töne. Aber er kennt die akademischen Gepflogenheiten, und wo Papst Johannes Paul II. vor der Evolutionstheorie den Weg räumte, glaubt Benedikt mehr Raum für Gott aushöhlen zu können als sein Vorgänger.

Benedikt ist Papst und er dient einem Gott der Lücken. Es ist seine heilige Pflicht, neue Lücken zu finden, in die sein Gott schlüpfen kann. Wissenslücken gehören dazu. Religion dreht sich halt darum, Löcher mit Glauben zu stopfen bevor man sie mit Vernunft füllen kann. In der Seele der Menschen klafft eine tiefe, dunkle Leere, in die Religion wie maßgeschneidert gleitet.

Wissenschaft befasst sich auch mit dem Füllen von Lücken. Das macht sie ganz wacker. Nur hin und wieder stolpert sie auf ein Loch, in das sich Religion bereits nieder gelassen hat. Dann kloppen die Klötze sich darum, wer besser in die Form passt.

1980 befand JPII es existiere kein Widerspruch zwischen Wissenschaft und Glauben. 2007 beansprucht Benedigt Boden zurück, den sein Vorgänger verloren gab: Es gibt Bereiche, in denen muss der Glaube der Wissenschaft widersprechen, aber in keinem Punkt widerspricht Wissenschaft dem Glauben.

Wissenschaft kennt drei Arten von Fragen: 1) Fragen, die die Wissenschaft beantworten kann, 2) Fragen, die die Wissenschaft (noch) nicht beantworten kann, 3) Fragen, die die Wissenschaft nicht beantworten will. Religion unterscheidet zwei Kategorien: Fragen, die ihr wichtig sind, und Fragen, die ihr am Arsch vorbeigehen. Es wird gerne vorgeschlagen, dass Religion und Wissenschaft sich nicht gegenseitig ausschließen, weil sie verschiedene Fragen beantworten: Die Wissenschaft das Wie und die Religion das Warum.

Da ist sie wieder, die Sache mit Glauben gegen Wissen. Leute glauben, es könnte so funktionieren, aber es ist unbewiesen. In der Realität beantwortet Religion gerne und häufig Fragen zum Wie, ganz egal ob es dem wissenschaftlichen Forschungsstand widerspricht oder nicht. Religion ist daran gewöhnt, grundsätzliche alle Fragen zu beantworten, für die niemand sonst eine Antwort hat, und wenn die Kirche sich erst einmal auf eine Antwort fest gelegt hat, gibt man sie schwer auf, selbst wenn plötzlich jemand sonst eine gute, nein, bessere Erklärung anbietet. Alte Angewohnheiten sterben langsamer als Jesus am Kreuz. Wenn Religion Frieden mit Wissenschaft schließen will, ist das ziemlich klug und für Religion uncharakteristisch pragmatisch, denn auf lange Sicht zieht Religion gegen Wissenschaft in allen von der Wissenschaft gefochtenen Feldern den Kürzeren.

Gott kann freie Sitze im weiten Weltenrund warm halten. Aber sobald die Wissenschaft eine Frage beantwortet, bewegt Gott seinen fetten Arsch aus dem Weg. Wie ein Unsichtbarer so viel Sitzfleisch haben kann, begreife ich nie.

Andererseits... fettes Sitzfleisch ist ein wichtiger Überlebensfaktor für Götter. Götter gehorchen immerhin ebenfalls den Gesetze der Evolution (obwohl mir in dem Punkt weder Wissenschaftler noch Theologen zustimmen würden). Götter sind notorisch schlecht im Anpassen, und organisierte Religionen sind noch viel schlechter. Festes Sitzfleisch, um alle Probleme auszusitzen, scheint die primäre Verteidigungsstrategie.

Der Gott der katholischen Kirche ist in der Vergangenheit ziemlich gut darin gewesen, sich an die Spitze der spirituellen Nahrungskette zu setzen. Andere Götter begnügen sich, spezifische Nischen abzudecken, und sterben folgerichtig aus, als die Nischen schwinden. Wer braucht Thor, wenn wir wissen, wie Blitz und Donner wirklich entstehen? Und Ra hat seine Barke eingemottet, weil wir eine bessere Erklärung haben, warum sich die Sonne bewegt. Nicht so Jehova. Der greift sich alles, das zu haben ist, im Bestreben der größte und stärkste Gott am ganzen Block zu sein. Der Stärkste überlebt.

Deswegen ist Gott noch da, auch nachdem die Naturwissenschaft uns gezeigt hat, dass die Welt sich um die Sonne dreht und das Blitze nicht von einem altem bärtigem Mann in den Wolken geschleudert werden. Weil er nicht bloß die kleinen Nischen gefüllt hat, sondern die ganz großen Felder für sich eingenommen, aus denen Wissenschaft ihn niemals vertreiben kann oder will. Der christliche Gott ist nicht ein winziger Gott der Elemente oder der Gestirne oder der Meere. Er ist der Gott des Sinns und der Moral.

Da haben wir die andere Schranke, die Religion, unter anderem auch Benedikt, der Wissenschaft vorschiebt. Dass die Wissenschaft auf die Religion angewiesen wäre, weil ihre moralische Leitung braucht. Der Vorwurf ist, dass ohne Gott keine Grundlage für moralische Urteile existiert.

Und darauf entgegne ich, als Atheist, dass ein 2500 Jahre altes Buch ebenfalls keine gute Quelle für moralische Urteile ist.